Barrierefrei nach BFSG
19. Mai 2026
Rechtliches
Min.
Lesezeit
von Redaktion
Du kennst das: Seit Juni 2025 reden alle vom Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, aber niemand sagt Dir konkret, wo Du anfangen sollst. Audit-Angebote starten bei vierstelligen Summen, die WCAG-Dokumentation ist 200 Seiten lang und Dein Webdesigner antwortet mit "machen wir nächstes Quartal". Dabei brauchst Du keine sechs Monate für den ersten ehrlichen Status-Check Deiner Website. 30 Minuten reichen, wenn Du weißt, wo Du hinschauen musst.
Schritt 1: Mach den 5-Sekunden-Tastatur-Test
Ziehe die Maus aus Deinem Rechner und navigiere Deine Startseite nur mit der Tab-Taste durch. Spätestens beim dritten Klick merkst Du, ob Deine Seite barrierefrei ist oder nicht. Achte auf zwei Dinge: Siehst Du, welches Element gerade markiert ist (sichtbarer Fokus-Indikator)? Erreichst Du jeden Link, jeden Button, jedes Formularfeld in einer logischen Reihenfolge? Wenn beide Fragen nicht klar mit Ja zu beantworten sind, hast Du bereits Deine ersten beiden Baustellen identifiziert. Tastatur-Bedienbarkeit ist die Grundvoraussetzung für alle, die keine Maus nutzen können oder wollen.
Schritt 2: Schicke einen Bildschirmleser auf Deine Texte
Windows hat den "Sprachausgabe"-Modus eingebaut (Strg+Win+Enter), Mac den VoiceOver-Modus (Cmd+F5). Drück den Knopf, schließ die Augen und hör zu, was Deine Startseite Dir vorliest. Das ist für die meisten Webseiten-Betreiber die unbequemste Minute des Tages. Wenn der Screenreader sagt "Link Link Link Bild Bild Link", weil keine Alt-Texte und keine sprechenden Linktexte vorhanden sind, weißt Du: Hier muss Hand angelegt werden. Bilder ohne Alt-Attribut, "hier klicken"-Linktexte und fehlende Beschriftungen an Formularfeldern sind die häufigsten Treffer.
Schritt 3: Kontrast und Schriftgröße mit einem Klick prüfen
Die Browser-Entwicklertools (F12) zeigen Dir direkt, welche Texte den WCAG-Kontrast-Mindestwert von 4,5:1 nicht erreichen. Chrome und Edge haben eine "Issues"-Tab eingebaut, die Dir die Stellen markiert. Alternativ machst Du das über kostenlose Online-Tools wie WAVE oder den Lighthouse-Audit. Helle graue Schrift auf weißem Grund ist fast immer der erste Treffer. Und: Mach den Zoom-Test. Stell Deinen Browser auf 200 Prozent. Wenn dann Texte verschwinden, Spalten zerbrechen oder Buttons unklickbar werden, ist responsive Design auf Schwellenwerten gescheitert.
Schritt 4: Schreib die Funde auf, statt sie zu reparieren
Das ist der häufigste Fehler beim Selbstaudit: Du findest etwas und willst es sofort fixen. Mach das nicht. Notier alles, was Du gefunden hast, in einer einfachen Liste mit drei Spalten: Stelle, Problem, Schweregrad. Sortier dann nach Schweregrad. Erst danach gehst Du in die Umsetzung. Ohne diese Liste hast Du nach zwei Stunden tausend kleine Änderungen, aber keinen klaren Plan, und der nächste Audit-Durchgang fängt wieder bei Null an. Für Schweregrad-Stufen reichen drei Buchstaben: A (Blocker, blockt Nutzung komplett), B (erschwert deutlich), C (Nice-to-have).
Schritt 5: Hol Dir eine strukturierte Checkliste
Wenn Du systematisch arbeiten willst, brauchst Du eine Checkliste statt nur Bauchgefühl. Auf webaccessibility.de/checkliste findest Du eine kostenlose, sortierte Checkliste für KMU und Vereine, mit allen WCAG-2.2-Punkten in normaler Sprache und ohne Paragraphen-Geknatter. Damit kannst Du Deinen 30-Minuten-Check verdoppeln und am Ende einen ehrlichen Status haben - inklusive klarer Priorität für die nächsten Wochen.
Wenn Du erst noch verstehen willst, was das BFSG eigentlich von Dir verlangt, wer betroffen ist und welche WCAG-Stufe relevant ist, lies vorher unseren Hintergrundartikel Barrierefreiheit für Webseiten. Dort sind die rechtlichen Grundlagen, Geltungsbereich und Pflichtthemen sauber aufbereitet.
Barrierefreiheit ist kein Mega-Projekt, das Du an einer Wochenend-Klausurtagung löst. Es ist eine Disziplin, die mit den 30 Minuten beginnt, in denen Du das erste Mal ehrlich auf Deine eigene Seite schaust. Mach den Tastatur-Test heute. Mach den Screenreader-Test morgen. Und nutz die Checkliste, um aus den Funden einen Plan zu machen. Deine Nutzer werden es Dir danken - und Google auch.
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